Tierwelt – Ornella Weideli – „Essverhalten der Haie!“

Tierwelt – Ornella Weideli – „Essverhalten der Haie!“

Speisekarte und Jagdverahlten von Haien

In einem Webinar der diplomierten Biologin und Hai-Forscherin Ornella Weideli darf ich unglaubliche Dinge über das Essverhalten von Haien lernen. Für einen Beitrag von 10 CHF – nein, ich bekomme keine Provision 😉 – kannst du eine Aufzeichnung des gesamten Webinars anschauen.

Foto: Hannah Medd, American Shark Conservancy

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Weit über 500 Arten von Haien sind bekannt, doch nur wenige von ihnen sind ausgiebig erforscht. Jede Haiart hat ihren eigenen Menüplan, eine hierfür optimierte Anatomie und ein darauf angepasstes Jagdverhalten entwickelt. Die Beißwerkzeuge und die Magen-Darm-Funktionalitäten von Haien sind hochentwickelt und Basis für die Robustheit dieser perfekten Jäger der Meere.

Ornella erklärt uns in ihrem Webinar wie das Gebiss von Haien aufgebaut ist, wie sie auch bei unverdaulichen Dingen „Bauchschmerzen“ vermeiden und mit welchen Methoden sie auf Beutejagd gehen.

Einen Zahnarzt haben Haie nicht nötig

Das Beuteschema von Haien weist insgesamt ein enormes Spektrum auf. Dementsprechend ist die Anatomie der einzelnen Haispezies jeweils perfekt auf deren Bedürfnisse angepasst. Beispielsweise zeigt der Vergleich eines Port-Jackson Hais, eines Makohais und des berüchtigten Weißen Hais eine komplett unterschiedlich ausgeprägte Form des Kiefers als auch der Zähne auf.

Der Kiefer eines Port-Jackson Hais ist optimal auf dessen bevorzugte Beute wie Seeigel, Schnecken, Krebse und kleiner Fische abgestimmt. Makos machen hingegen Jagd auf größere Tiere wie Schwertfische, Thunfische, Makrelen und sogar andere Haie. Ihre messerscharfen Zähne erleichtern ein Zerlegen der Beute. Der Weiße Hai wiederum verfügt über ein Gebiss, welches einer Säge mit kurzen dreieckigen Zähnen ähnelt. Mit diesem mächtigen Gebiss und seiner unbändigen Kraft fällt es dem Weißen Hai leicht, große Beutetiere wie Seelöwen, Seehunde oder andere zu reißen.

Port-Jackson Hai
Jaws of Heterodontus portusjacksoni
Weißer Hai
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Des Revolvergebiss ist immer geladen

Als versierten Jäger an der Spitze der Nahrungskette benötigen Haie besonders gute Zähne. Ein Revolvergebiss, bei dem die scharfen Waffen immer wieder nachgeladen werden, sorgt dafür, dass Haie keinen Zahnarzt benötigen. Haie verfügen über ein mehrreihiges Gebiss, so dass abgebrochene oder ausgefallene Zähne immer wieder durch Folgezähne ersetzt werden.

Foto: Michael Scholl | SOSF

Schützt der Schildkrötenpanzer vor dem Weißer Hai?

Nicht allein die scharfen Zähne lassen den Hai zu einem erfolgreichen Jäger werden. Auch die unwiderstehliche Beißkraft verhilft dem Hai selbst gut geschützte Beutetiere zu erlegen.

Die gemessene Beißkraft für den größten Weißen Hai beträgt 18’216 Newton pro Quadratzentimeter. Im Vergleich hierzu haben wir Menschen lediglich eine Beißkraft von durchschnittlich 1’217 Newton. Mit dieser enormen Kraft kann der Weiße Hai selbst den massiven Panzer einer Schildkröte durchbeißen.

Wer beißt kräftiger zu? Piranha oder Weißer Hai?

Wird die Beißkraft ins Verhältnis zum Körpergewicht – man spricht hier vom Beißkraft-Quotienten (BFQ) – gesetzt, findet der Weiße Hai seinen Meister jedoch in einem deutlich kleineren Jäger. Der Piranha mit der größeren Beißkraft im Verhältnis zum Körpergewicht, führt nämlich die Rangliste an

Beißkraftquotione von Haien

Ein ausgeklügeltes, höchst robustes Magen-Darm-System

Nicht nur das Gebiss der Haie ist besonders ausgeprägt. Auch der Magen-Darm-Trakt ist ein Wunder der Natur und mit außergewöhnlichen Fähigkeiten versehen.

Die aufgenommene Nahrung gelangt via Mund und Speiseröhre (Ösophagus) in den Magen. Bei der Nahrungsaufnahme verschlucken Haie immer wieder Unverdauliches, doch Bauchschmerzen müssen sie trotzdem nicht fürchten. Ungenießbare Gegenstände können Haie auswürgen, in dem sie ihren Magen «ausstülpen». Die kurze Distanz vom Mund zum Magen und das Fehlen von Mesenterien ermöglicht diese ungewöhnliche Technik. Der Magen ragt bei diesem Vorgang ein Stück weit aus dem Mund und wird dann kurzzeitig auf „links“ gedreht. So kann sich der Hai des unerwünschten Inhaltes entledigen (siehe Video).

Das Video von Juerg Brunnschweiler zeigt wie ein Hai blitzschnell seinen Mangen durch den Mund ausstülpt. Achte auf den „schwarzen Magen“ der kurzzeitig aus dem Mund heraus ragt.

Vom Magen wandert die Nahrung in den Darm. Im Unterschied zu Säugetieren haben Haie einen viel kürzeren Darmtrakt. Um die Verdauungsfläche zu vergrössern besitzen Haie jedoch einen sogenannten  Spiraldarm, welcher durch seine innernen Windungen die Fläche vergrößert. Ähnlich wie den Magen kann der Hai auch seinen Darm ausstülpen, um diesen von unverdaulichen Dingen zu entleeren.

Foto: Ornella Weideli – „Darmausstülpung bei einem Junghai“

Wunderheiler gibt es doch - zumindest unter Haien!

Nicht, dass diese Fähigkeiten schon faszinierend genug sind, es gibt noch Erstaunlicheres. In Florida  wurde ein Zitronenhai über mehrere Monate beobachtet, der versehentlich einen Fish Stringer – hiermit sammeln Speerfischer ihre erjagten Fische – verschluckte. Während eines Mindestzeitraums von 435 Tagen hat der Hai den Metallgegenstand bis zur vollständigen Genesung durch die Haut ausgeschieden. Ein unglaublicher Beleg für die Widerstandsfähigkeit und die Wiederherstellungsfähigkeit von Haien.

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Erste Beobachtungen zeigen, dass ein metallischer Fremdkörper von der rechten Seite des Zitronenhais hervorsteht: (a) Profilansicht der rechten Seite am 6. Dezember 2014; (b) ventrale Ansicht am 21. Dezember 2014. Zu diesem Zeitpunkt gab es keinen Vorsprung von der Unterseite des Tierkörpers. Fotos: Joanne Fraser, Kessel et al. / Marine and Freshwater Research

Beobachtungen vom 13. Februar 2016 zeigen sowohl das freie Ende des Strings, das aus der ventralen (Unter-) Seite des Körpers herausragt, als auch die rechts hervorstehende ursprüngliche Struktur. Fotos: Joanne Fraser, Kessel et al. / Marine and Freshwater Research

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Letzte Beobachtungen am 14. Dezember 2016. Der Fremdkörper wird vollständig aus dem Zitronenhai ausgestoßen und die Wunden werden geheilt. Fotos: Joanne Fraser, Kessel et al. / Marine and Freshwater Research

Haie sind Opportunisten, Spezialisten oder sogar Vegetarier

Was fressen Haie? Die übliche Antwort lautet Robben. Robben stehen tatsächlich auf der Speisekarte des Weißen Hais. Global betrachtet sind Robben tendenziell in den kühleren Gewässern nahe der Pole verbreitet, während die meisten Haie eher in tieferen Breitengraden und in Küstennähe vorzufinden sind. Der Menüplan von Haien ist daher deutlich reichhaltiger als nur Robben. Einzelne Spezies haben sich auf bestimmte Beute mit ganz individuellen Jagdmethoden spezialisiert.

Der Weiße Hai ist ein Allesfresser. Sein Nahrungsspektrum ist äußerst umfangreich. So stehen Seehunde, Seelöwen, Meeresschildkröten, Thunfische, Schwertfische, Haie (Makohaie, Hundshaie, Grauhaie, Hammerhaie, Dornhaie), aber auch Vögel (Pinguine) und Tintenfische auf seiner Speisekarte. Auch tote Tiere z.B. Wale verzehrt der Weiße Hai, womit er einen wichtigen Beitrag zum ökologischen Gleichgewicht der Meere leistet.

Ein ähnlich breites Nahrungsspektrum weist der Tigerhai auf. Auch er verleibt sich gern Meeressäuger, Schildkröten, Meeresvögel oder Aas ein.

Im Gegensatz zu diesen Allesfressern gibt es hochspezialisierte Haie, wie den Walhai. Walhaie pumpen ungeheure Mengen an Wasser durch ihre riesigen Kiemen und filtern das Plankton heraus, von dem sie sich ernähren.

So lassen sich Haie in Opportunisten und Spezialisten einteilen:

Das Essverhalten von Haien ist jedoch nicht nur von der Kiefergröße abhängig, sondern auch von den vorherrschenden Bedingungen. So wurde beobachtet, dass Haie im Lebensraum mit geringem Nahrungsangebot und schlechteren Bedingungen eher zu den Opportunisten zu zählen sind, während ein reichhaltiges Nahrungsangebot und gute Bedingungen selektives Nahrungsverhalten zulassen.

Sogar Vegetarier gibt es unter den Haien. Der Schaufelnasen-Hammerhai (Bonnethead Shark) ernährt sich zu über 60% von Seegras. Ein spezielles Cellulose-Verdauungs-Enzym im Darm erlaubt es dem Bonnethead Shark ca. 50% des Seegrases zu verdauen. Damit ist der Verdauungsanteil deutlich höher als zum Beispiel bei einem Pandabären, der seine geliebten Eukalyptusblätter zu lediglich 20% verdaut.

Publikation: Seagrass digestion by a notorious

Bonnethead shark Aquarium of the Pacific

Haie nutzen ausgefeilte Jagdtechniken

Klicke hier, um das vollständige Video auf blancpain.tv anzuschauen.

Nach Million von Jahren vom Aussterben bedroht

Ein super Webinar, in dem ich sehr viel Neues über Haie lernen durfte. Nun wundert es mich auch nicht mehr, dass die Spezies der Haie mit ihren besonderen Fähigkeiten schon über mehrere 100 Millionen Jahre unseren blauen Planeten bewohnt. Lediglich gegen den Menschen ist der für die Ozeane unserer Erde perfekt ausgerüstete Jäger machtlos. Ausgerechnet wir Menschen sind es, die dafür verantwortlich sind, dass viele Haiarten vom Aussterben bedroht sind.

Einen Hoffnungsschimmer stellen wissenschaftliche Erkenntnisse darüber dar, dass der Schutz des Lebensraums und somit der Beutetiere gleichzeitig zum Schutz der Haie beiträgt und sich die Hai-Population in geschützten Gebieten wieder leicht erholt. Allerdings bedarf es hierfür einer deutlichen Ausweitung der bisher weltweit geschützten marinen Lebensräume von derzeit gerade einmal 7.43%.

Es bleibt zu hoffen, dass wir noch die Kurve kriegen und den Haien die Möglichkeit geben, weitere Millionen von Jahren für das Gleichgewicht unsrer Meere Sorge zu tragen!!!

Wenn Haie dich faszinieren sind die Bahamas oder auch die Malediven übrigens empfehlenswerte Reiseziele.

Beruf oder Berufung

Ornella, dir einen ganz herzlichen Dank dafür, dass du dein Wissen über Haie mit uns Tauchern und der Öffentlichkeit teilst. So leistest du einen wichtigen Beitrag zur Meinungsbildung und dazu das überwiegend negative Image von Haien ins rechte Licht zu rücken. Es war mir ein Vergnügen dir im Webinar zuzuhören. Deine Leidenschaft für Haie ist selbst online spürbar und ich bin sicher dein Beruf als Haiforscherin ist auch gleichzeitig deine Berufung.

Foto: Michael Scholl | SOSF

Webinare by TSK

Vielen Dank auch an Tauchsport Käser für die Durchführung des Webinars. Insbesondere in Zeiten von Corona eine willkommene Abwechslung mal wieder etwas aus der maritimen Welt zu erfahren. Einen Überblick anstehender Webinare rund ums Thema Tauchen findest du hier: Webinare by TSK 

Ein Teil der Webinare ist kostenlos, für andere ist ein kleiner Beitrag zu leisten. Wenn du ein Webinar verpasst, kannst du es als Aufzeichnung abrufen.

Wichtiger Hinweis!

Dieser Beitrag ist weder Werbung noch in irgendeiner Weise von Ornella Weideli oder Tauchsport Käser gesponsort!!! Als Taucher und Naturliebhaber, liegt es mir am Herzen die landläufige Meinung über Haie ein wenig positiver werden zu lassen.

Auf der Boot 2020 habe ich auch einige Interessanten Projekte zum Meeres- und Artenschutz kennengelernt. Schau dir hierzu meinen Blogbeitrag „Mehr zum Wohle der Meere“ an.

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