Umwelt – Schweiz – „Frühjahrsputz im Blausee!“

Umwelt – Schweiz – „Frühjahrsputz im Blausee!“

Einzigartig, romantisch, faszinierend. Der kleine Alpensee im Berner Oberland begeistert Jahr für Jahr Touristen, Taucher und sogar Hochzeitspaare. Jedoch wissen die wenigsten, dass die Besitzer des Naturparks dafür jedes Jahr im Januar eine sehr aufwendige Blausee-Reinigung betreiben.  Ich durfte den „Frühjahrsputz“ im Blausee begleiten.

Hier siehst du in Kürze das Interview mit Berufstaucher André Brinsa … sorry wir haben es nicht mehr ganz pünktlich geschafft. Also einfach nochmal vorbeischauen 😉

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Blausee – „Schweizer Blausee – Geheimnis gelüftet“ ist auch in der Juli Ausgabe 08/2019 des Magazins „UNTERWASSER“ erschienen.  –  ePaper hier

Der Blausee - "Eine Welt für sich"

… so steht es auf den Informationstafeln im Blauseepark. Ich komme seit vielen Jahren immer wieder gern zum Blausee und kann die Aussage zu 100% unterstützen. Egal, ob mit dem Buddy zum Tauchen, mit der Familie zum Bräteln, zum Wellnessen oder um die hervorragende Küche zu genießen, dieses Fleckchen Erde hat einfach einen besonderen Charme. Dazu trägt natürlich in erster Linie die blaue Farbe des Sees bei.

Einer Sage nach erhielt der See seine tiefblaue Farbe durch die Tränen, welche den blauen Augen eines armen Mägdleins entquollen sind. Die Mädchen-Skulptur auf dem Grund des Sees erinnert seit 1998 an die Sage vom Blausee.

Das Mägdlein vom Blausee - Skulptur unter Wasser

Nun bin ich schon so häufig am Blausee gewesen und habe kürzlich doch wieder etwas Neues erfahren. Damit der Blausee eine Welt für sich bleibt und die Tränen des traurigen Mägdleins nicht vergeblich vergossen wurden, wird der Natur ein wenig unter die Arme gegriffen. Jedes Jahr im Januar findet eine aufwändige Seereinigung statt. Ja, du hast richtig gelesen, eine Seereinigung. Ich habe sofort gedacht: „Wow, spannend. Wie um Himmelswillen reinigt man einen See?“ Natürlich wollte ich das genauer wissen. Also habe ich ein wenig nachgehakt und die Reinigungsarbeiten begleiten dürfen.

Es ist gibt einiges vorzubereiten!

Geschäftiges Treiben statt Winterschlaf

Am 9.1. fällt der Startschuss für die zweiwöchigen Reinigungsarbeiten. Ich mache mich um kurz vor 8 Uhr auf den Weg, um die Mitarbeiter der Firma TAF Taucharbeiten AG vor Ort zu treffen. Als ich am Blausee ankomme, herrscht dort ein geschäftiges Treiben. Irgendwie hatte ich einen Blausee im Winterschlaf erwartet. Es ist so viel los, dass ich mein Auto dreimal umparken muss, weil es ständig irgendjemandem im Weg ist. Hier und da erinnert noch ein wenig Weihnachtsdekoration an die besinnliche Jahreszeit. Ansonsten wird geschraubt, gesägt, gehämmert und sogar die Kaffeemaschine wird zerlegt. Eigentlich nicht weiter überraschend, denn in nur zwei Wochen öffnet der Park wieder und es muss alles für die neue Saison parat sein.

Unten am See sind bereits die Mitarbeiter der Firma TAF Taucharbeiten AG aktiv. Wie der Firmenname vermuten lässt, hat sich das Unternehmen auf Arbeiten aller Art unter Wasser spezialisiert. Trotz des etwas trüben Wetters, empfängt mich Berufstaucher André mit einem gut gelaunten Lächeln im Gesicht. Das wundert mich nicht an diesem schönen Arbeitsplatz. 

André Brinsa - Berufstaucher - TAF Taucharbeiten AG

Reichlich Material am Einsatzort

André erklärt mir, dass heute den ganzen Tag Vorbereitungsarbeiten stattfinden. Das ganze Material muss mit einem Kranwagen herangeschafft werden und es wird eine schwimmende Plattform installiert. Die Basis dieser Plattform ist bereits montiert. Bei der Plattform handelt es sich um eine Eigenkonstruktion. Wichtig ist hier vor allem das Gewicht, da die Plattform immer wieder in unwegsamen Gebieten zum Einsatz kommt. Oftmals kommt dann nur ein Transport mit dem Hubschrauber in Frage. Die Plattform ist so konstruiert, dass sie weniger als eine Tonne wiegt. So kann diese noch mit einem normalen Hubschrauber an den Einsatzort geflogen werden. Andernfalls müsste ein größerer Lastenhubschrauber eingesetzt werden, was die Kosten in die Höhe treiben würde.

Materialschlacht bei den Vorbereitungsarbeiten für die Seereinigung

Zelten auf dem Blausee?

Als nächstes hievt der Kranwagen die schwimmende Plattform ins Wasser. André und seine Kollegen bauen anschließend ein stabiles Zelt auf der Plattform auf. Es hat sogar Fenster, weshalb ich bei André nachfrage, ob es ein neues schwimmendes Hotelzimmer wird. André bejaht dies und begründet es mit der Wohnungsknappheit in der Schweiz durch all die deutschen Einwanderer… Wie hat er das nur gemeint??? 😉 Natürlich kam die Antwort mit einem dicken Augenzwinkern rüber.  Tatsächlich werden in dem Zelt die benötigten Gerätschaften gelagert. Der Blausee liegt knapp 900 m über dem Meer. In den Wintermonaten kann die Temperatur nachts schon mal auf -20° C fallen. Damit die Geräte bei diesen extremen Temperaturen nicht kaputtfrieren, wird das Zelt nachts beheizt. Echt spannend, an was man alles denken muss, bevor die eigentlichen Arbeiten beginnen können.

Beheiztes Gerätezelt auf einer schwimmenden Plattform

"Staubsaugen" im Blausee

Heute ist bereits der 8. Arbeitstag im Rahmen der Blausee-Reinigung. In den vergangenen Tagen wurden schon diverse Arbeiten erledigt. Der Fokus lag dabei auf der kleinen Bucht, welche jedem Besucher als erstes ein „Wow“ entlockt, wenn er aus dem märchenhaften Wald auf den See zugeht. Hier sammelt sich naturgemäß im Herbst viel Laub und über das Jahr hinweg setzen sich Sedimente auf dem Grund ab. Der ansonsten helle kalkhaltige Grund wird dunkel und die Bucht verliert ihre leuchtend blauen Farben. Nun sind die Felsen „geputzt“, der Grund ist gereinigt und das atemberaubende Blau kann wieder leuchten.

Auch das auf dem Grund kniende Mägdlein ist „frisch geduscht“. Die Skulptur ist von Sedimenten und feinen Algen befreit und strahlt die Besucher auf der Holzbrücke wieder aus der Tiefe an.

Skulptur vor der Seereinigung
Skulptur nach der Seereinigung

Heute steht „Staubsaugen“ auf dem Arbeitsplan. Ich bin ein wenig aufgeregt. Gleich geht es unter Wasser, wo ich die Taucharbeiten live miterleben darf. Mein Logbuch weist mittlerweile mehrere 100 Tauchgänge aus, aber so etwas habe ich noch nie erlebt.

Am Blausee werden zwei verschiedene Systeme eingesetzt. Einerseits eine Pumpe, mit der im Bereich von  0 – 2 m der schlammige Grund abgesaugt wird. Andererseits der sogenannte Airlifter. Hier wird mittels eines Kompressors Luft in das ins Wasser eingetauchte Absaugrohr gepumpt. Die im Rohr aufsteigende Luft sorgt dafür, dass das Wasser in dem Rohr nach oben gedrückt wird. So können auch aus größerer Tiefe schlammige Flüssigkeiten „gehoben“ werden.

Die nachstehende Animation veranschaulicht das Prinzip des Airlifters (auch Druckluftheber, Mammutpumpe) auf einfache Weise. Die Förderleistung hängt von der Luftleistung der Pumpe, der Tiefe des Teiches sowie der Länge und dem Durchmesser des verwendeten Schlauches ab .

Keine Flossen und viel zu viel Blei?

Kommunikation ist lebenswichtig

Soviel also zur Theorie. Jetzt zur Praxis unter Wasser.

Berufstaucher David macht sich auf der Einsatzplattform für den Tauchgang parat. Hierbei wird er von André unterstützt. André sorgt dafür, dass alle Kabel und Schläuche angeschlossen sind und richtig sitzen. Wichtig ist natürlich vor allem die Luftversorgung! Zuletzt setzt David die Vollgesichtsmaske auf und André schließt das Kommunikationskabel an. So kann André von der Einsatzplattform jederzeit mit David unter Wasser kommunizieren. Der ständige Kontakt ist enorm wichtig und kann bei den Arbeitseinsätzen unter Wasser lebensrettend sein.

Finde den Taucher

Im Gegensatz zu uns Sporttauchern geht David ohne Flossen aber mit reichlich Fußblei ins Wasser. Für ihn ist es wichtig, bei der Arbeit einen festen Stand zu haben. Von der Leiter aus taucht David zielstrebig zum Ansaugrohr des Airlifts hinunter. An der Seite des Airlifts entweicht ein Teil der Pressluft und sprudelt wie in kochendem Wasser nach oben. Es dauert nur einen kurzen Augenblick bis David in einer Wolke aus Sedimenten verschwindet, welche durch den Absaugvorgang aufgewirbelt werden. Für mich heißt es nun: „Wer suchet, der findet.“ 

Zum Glück kann ich mich immer an den aufsteigenden Luftblasen und dem Saugrohr orientieren. Unter diesen Umständen ist es nicht einfach, die Arbeiten mit der Kamera für euch festzuhalten. Immerhin gibt es bei jedem Standortwechsel einen kurzen Moment, in dem sich der „Nebel“ lichtet und ich gut verfolgen kann, wie David seine Arbeit ausführt. Es ist deutlich erkennbar, wie der schlammige Grund aufgesogen wird. Die Einschätzung der Sogwirkung fällt mir schwer. Deshalb bin ich ein wenig unsicher, wie nah ich mich an das Geschehen wagen kann und bleibe zunächst lieber auf Distanz. Beim Dickicht des Seegrases angekommen, beginnt David mit der Hand nachzuhelfen. Nun ist auch mir klar, dass es unkritisch ist den Airlift aus nächster Nähe zu beäugen.

Später an der Oberfläche erfahre ich, dass es aufgrund der Luft sehr aufwändig ist, den Airlift unten zu behalten. In der Tiefe von ca. 5 Metern, in der ich die Arbeiten begleitet habe, kann daher die volle Leistung des Systems nicht ausgeschöpft werden. In größeren Tiefen wird eine deutlich stärkere Leistung möglich. Die stärkere Sogwirkung erfordert dann auch eine erhöhte Aufmerksamkeit des Tauchers.

Beim Absaugen des Seegrases gilt es mit Vorsicht zu agieren, damit das Ökosystem des Seegrunds keinen nachhaltigen Schaden erleidet. David muss den Sauger so einsetzen, dass wirklich nur die oberste Schlammschicht abgesaugt wird und die sich darunter befindenden Schichten nicht verletzt werden.

Mir und meinem Buddy Anette wird es nach 40 Minuten langsam kalt. Bei einer Wassertemperatur von 5° C ist dies auch nicht weiter verwunderlich. Für uns ist der Tauchgang nun beendet. David hingegen arbeitet noch weiter. Er ist bis zu 3 Stunden am Stück unter Wasser. Ich freue mich trotz des sehr spannenden Tauchgangs nun auf einen heißen Cappuccino.

Berufstauchen ist kein Zuckerschlecken!

Ebenso spannend wie die Tauchgänge unter Wasser zu begleiten, ist die Mittagspause mit André und David. Beide arbeiten bereits seit vielen Jahren zusammen. Die beiden geben das Bild eines vertrauten Ehepaares ab, das sich hier und da mit Späßchen neckt, aber auch blind versteht. In den vielen Jahren haben die beiden so einiges erlebt. Mir wird recht schnell klar, dass der Unterwassereinsatz im Blausee zu den angenehmeren Arbeiten zählt. Während für mich der heutige Tauchgang nach dem Motto „Suche den Taucher in der Nebelwolke“ verlief, waren es für David perfekte Sichtverhältnisse. Oftmals muss er in kompletter Dunkelheit arbeiten und sich ganz auf seinen Tastsinn verlassen. Hier trennt sich dann auch bei den Berufstauchern die Spreu vom Weizen.

Eine äußerst wichtige Rolle hat auch André als Tauchkoordinator. Er koordiniert oberhalb der Wasseroberfläche den Einsatz von David in der Tiefe und ist in ständigem Kontakt mit ihm. Sein Fokus liegt darauf, die Sicherheit des Tauchers zu gewährleisten und im Ernstfall den Tauchgang abzubrechen.

Ein Restrisiko bleibt immer!

Nicht zu unterschätzen ist das Restrisiko, welches selbst bei bester Planung und entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen niemals ganz auszuschließen ist. Mir läuft es kalt den Rücken runter als David berichtet, dass bei einem seiner Einsätze in extremer Tiefe die Lichtquelle versagte. Die Arbeit im Dunkeln ist nicht ungewöhnlich, doch in Kombination mit der großen Tiefe dieses Einsatzes wurde der an sich recht einfache Auftrag schlagartig zu einem höchst riskanten Einsatz.

Trotz der vorhandenen Risiken ist David von seinem Job begeistert. Mit strahlenden Augen berichtet er wie abwechslungsreich die Einsatzgebiete eines Berufstauchers sind. Schnell zählt er nur ein paar Einsatzbereiche auf – Ölplattformen, große Schiffe, Wartungsarbeiten an Staumauern, Seereinigungen oder die Wartung von Wassertanks zum Schmelzen von SchokoladeMir ist es doch lieber die gute Schweizer Schoggi im Munde zergehen zu lassen 😉

"Geheimnis gelüftet" - DANKE!

Mein Dank gilt André und David, für den ungemein spannenden Einblick in die Welt der Berufstaucher. 

Für die Hilfe bei der Organisation bedanke ich mich ebenfalls bei Lena Goosmann, der Gastgeberin vom Blausee Hotel. Im Interview mit Lena erfahrt ihr im nächsten Beitrag mehr über das spezielle Taucherpaket vom Blausee. In Kombination mit einem Aufenthalt im charmanten Hotel und Tiefenentspannung im tollem Outdoor-Wellnessbereich der perfekte Ort für ein atemberaubendes Tauchwochenende! 

Luftaufnahme von André Lüthi - Verwaltungsrat Blausee AG

Gut zu wissen...

Land / Kanton:Schweiz / Bern
Lage:Der Naturpark Blausee liegt auf knapp 900 m ü.d.M. im Berner Oberland auf dem Gebiet der Gemeinde Kandergrund.
Größe:Trotz seiner geringen Größe von lediglich 0,64 ha zählt der Blausee zu den bekanntesten Seen der Schweiz.
Hauport:Bern
Sprache:Landessprachen sind Deutsch, Italienisch, Französisch und Retoromanisch
Geld:CHF
Visum:Für EU-Bürger wird kein Visum benötigt. Ein gültiger Reisepass oder Personalausweis ist ausreichend.
Tauchgenehmigung:Nicht erforderlich, jedoch gesundheitliche Tauchtauglichkeitsbescheinigung zwingend vorgeschrieben
Zeit:MEZ + 1 Std.
Medizinische Hinweise:Keine besonderen Empfehlungen (ohne Gewähr). Aktuelle Informationen bitte beim Arzt erfragen.
Elektrische Spannung: 220 V – Euro-Stecker funktionieren ohne Adapter. Deutschen Schuko-Stecker benötigen zwingend einen Adapter
Taucharbeiten: www.taf-taucharbeiten.ch
Infos zum Tauchen: tauchen.blausee.ch
Taucherpaket, Preise & Anfrageformular für Taucher

Hinweis:
Die Tauchgänge wurden vom Naturpark Blausee unterstützt. Alle Eindrücke sind wie immer die unseren, darauf kannst du zählen!

 

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